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Foto: Ralf Lienert
Foto: Ralf Lienert

Dokument aus Nazi-Zeit


Aktion - Künstler Christian Hof ersteigert eine Kladde und will daraus Kunstwerk machen

Einen Leckerbissen der jüngeren Kemptener Stadtgeschichte will Christian Hof zu einem Kunstwerk verarbeiten. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er an eine tagebuchähnliche Kladde mit Fotos, Berichten und Notizen aus den Jahren 1937/38. Jetzt sollen die 100 Seiten «für alle uneinsehbar gemacht werden, weil die Würde des Urhebers unangreifbar ist», so Hof.

So sieht die tagebuchähnliche Kladde aus, die Hof kaufte. Nun will er ein Kunstwerk daraus machen.

Der Kemptener Künstler und Softwareentwickler suchte vor einigen Monaten im Internet nach Alben und Dokumenten vom Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Beim Auktionsportal e-bay stieß er auf ein Album und lieferte sich mit einem dänischen Devotionalienhändler eine spannende Auktion. Doch plötzlich sperrte e-bay den Artikel und unterband jeglichen Kontakt zum Verkäufer.

Eigentlich der Punkt, an dem ein Bieter die Segel streicht. Nicht aber EDV-Spezialist Hof. Stundenlang suchte er mit einem Kollegen im Netz nach Spuren der Auktion und fand schließlich seine ersten Gebote, die sich um 120 Euro drehten. Auf Umwegen über andere Plattformen gelang ihm schließlich der Kontakt zum Verkäufer. «Am nächsten Tag fuhr ich nach Sigmaringen und machte dort einen Buchtausch aus.» Obendrauf legte der Kemptener 1400 Euro «Aufbewahrungsentschädigung».

Woher stammt das Buch? Hof fand heraus, dass es aus dem Nachlass eines Kemptener Beamten an den Bodensee gelangte. Von Januar 1937 bis Mitte Februar 1938 wird von Verdunkelungsübungen in Kempten berichtet. Artikel über die «Volksgasmaske» oder Warnungen vor Juden in der Stadt («Bist Du auch ein Judenknecht») reihen sich an Wetterberichte (Schnee im August 1937) und Notizen über Eintopfessen in der Stadt. Dazwischen kleben ein Originalfoto von Adolf Hitler beim Besuch auf der Sonthofener Ordensburg und Karten vom Reichsparteitag.

Quittungen aus Modehäusern, Spendenmarken des Winterhilfswerks oder Familiennachrichten machen das Album wertvoll. Neben einem Foto der Fronleichnamsprozession in St. Anton heftet eine Karte von Stadtpfarrer Ulrich Felder (Christi Himmelfahrt).

Einladungskarten, Trauerkarten und Einträge in Sütterlinschrift über abendliche Einladungen ergeben ein spannendes Bild des nationalsozialistischen Kemptens. Der Bau der Kasernen, Aufmärsche von Partei und Militär in der Stadt nehmen breiten Raum ein. Abgerundet wird das Bild von Baumaßnahmen wie Rathaus, Parktheater oder Elektro-Schaller.

Hof will die Privatsphäre der Familie respektieren und nennt keine Namen. Für ihn ist wichtig, dass «das Buch nach Hause kommt und sich kein Devotionalienhändler an Fotos und Dokumenten aus meiner Heimatstadt ergötzt.»

[26.06.09, Ralf Lienert, Allgäuer Zeitung]