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Foto und Malerei: Alexandra Vogt


Rückzug an die Wand


Die Jugend bildet nur einen schmalen Korridor in der Lebenszeit unserer Gesellschaft. Gerade deshalb ist der Einfluss der Außenwelt in dieser Phase persönlicher Identitätsfindung nicht nur wichtig für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft, deren nahe Gegenwart weiterentwickelt auf das Jetzt zurückblicken wird. Dieser Ansatz macht Alexandra Vogts großformatig beängstigende Portraits fast zehn Jahre nach ihrer Entstehung neugierig auf den Ist-Zustand jener aufmüpfigen Zukunftsungeduld, die in den Gesichtern der portraitierten Kindergestalten die Welt herausfordert. Was ist aus den Heranwachsenden geworden, die im Moment des Erwachsenwerdens mit den Eindrücken des 11. Septembers 2001 radikal konfrontiert worden sind?

Zur grafischen Ikonografie deklassierte Kapitalismus- und Gesellschaftskritik verheißt als Buntdruck auf T-Shirts bereits die Vision von einer Welt, die als Antwort auf das ethische Chaos in unserer westlichen Gesellschaft nur noch moralisches Grundrauschen liefert. Die Blicke scheinen aus Modemagazinen entliehen zu sein, die kritische Stille in den Augen gebärdet sich als Vorwurf an eine Elterngeneration, die gescheitert zu sein scheint. Als letzte Konsequenz bereitet sich jeder der Jugendlichen auf eine ungewisse Zukunft im täglichen Jetzt-Zustand vor. Jeder kämpft für sich.

Natürlich ist es einfach, die Bilder Alexandra Vogts im Rückblick mit dieser Bedeutsamkeit aufzuladen. Diese wäre allerdings gar nicht möglich, wenn die Künstlerin jene Momente 2002/2003 nicht instinktiv in ihren großformatigen Malereien eingefangen hätte. Was dennoch bleibt ist die Frage, ob die Welt von heute den damaligen Erwartungen dieser Jugendlichen entspricht. Was ist wohl aus ihnen geworden? Was ist aus den Träumen unserer eigenen Jugend geworden? Insofern spürt man fast, dass Alexandra Vogts Portraits jedes Mal weiterleben, wenn unsere Blicke ihren Augen begegnen, denn irgendwann begegnen wir uns selbst.

Es gibt aber auch jene antiidyllische Identitätsfindung zwischen Pferden und Altkleidern, die einen großen Teil des fotografischen Werkes der Künstlerin bestimmen. Den Rückzug in den Kleiderschrank der Eltern, die Erinnerung an das Ausprobieren der eigenen sexuellen Identität mit illustren Frauen- und Männerkleidern lässt viele lebensetablierte Standardexistenzen frösteln - der Moment der plötzlichen Selbstfindung ist oft nur einen verdrängten Gedanken weit entfernt. In ländlichen Regionen, wo jeder Hof einen Fußmarsch vom Nachbardorf abgehalten sein eigenes Universum bildet, bündelt sich die Zeit in jenen Schuppen, die Altkleider, dunkle Decken und ausrangierte Sinnlichkeit vergangener Dorffeste bewahren. Sie warten geduldig darauf, Initialisierungen und gegenseitige Entdeckungserlebnisse unter den Bauerskindern einzuleiten.

Einsamkeit macht jeden Rückzugspunkt zum regionalen Refugium, dessen Fensterläden geschlossen sind und die Außenwelt unbarmherzig abschotten. Insofern eröffnen die Fotografien und Installationen Alexandra Vogts einen Blick in die Seele eines jeden Menschen, der sich in das Dorf seiner eigenen Isolierung zurückgezogen hat. Man ist in Gegenwart der Arbeiten mit einem Mal nicht mehr allein mit sich selbst. Man wähnt sich einen Augenblick lang verstanden - besser fühlt man sich aber nicht. Wie auch? Es ist eben wie es ist. Der Blick auf verschrammt gerahmte Gegenwartskunst zeigt, dass die Menschen einem längst vergangenen Sehnsuchtideal nachrennen, das heute überholt zu sein scheint. Wir haben verlernt unsere Wünsche zu äußern. Das Rauschen der Welt übertüncht nur verständnisloses Schweigen, das in den starken Weißräumen und Schwarzgründen von Alexandra Vogts Bildersprache den Raum erfüllt.

Die Künstlerin schafft es, sich trotz exhibitionistischer Tendenzen vollkommen sperrig in ihre eigene Welt zurück zu ziehen. Grasende Pferde in Gärten, Kleiderstraßen im Kellergeschoss, ein großer Rückzug aus der Gemeinschaft an die Wand. So geht es vielen in der kalten Hektik unserer Zeit, die an einer Individualisierung zu ersticken scheint, die jeden Menschen auf eine einzige Fremdsprachenvokabel dieser Welt zu reduzieren scheint: Sich selbst. Allein.

26.04.2010, Christian Hof

www.alexandravogt.de